Erwartungen

Es ist Samstag morgen 6 Uhr. Ich packe meine Reisetasche ins Auto. Ein kurzes Gähnen, erwartungsvolle Spannung und ich mache mich auf den Weg nach München. Am Nachmittag bin ich mit Frau Dr. Hildegard Hamm-Brücher zu einem Interview verabredet. Sie hat sich bereit erklärt mit mir im Rahmen meiner Facharbeit ein Gespräch zu führen. Auf der Fahrt gehe ich noch einmal die Fragen durch. Kurz bevor ich München erreiche, stellt sich eine leichte Aufregung ein.

Frau Dr. Hamm-Brücher ist eine der herausragenden Frauen in der Politik unserer Zeit. Nunmehr, mit 85 Jahren, ist sie nicht mehr in der aktiven Tagespolitik tätig. Mit ihren Reden und Büchern ist sie auch weiterhin in der Öffentlichkeit sehr präsent und meldet sich oft auch als mahnende Stimme zu Wort.

Ich habe für mein Gespräch nach einer Frau gesucht, die etwas bewegt hat. Die sich mit Mut und Energie für ihre Überzeugungen eingesetzt hat und die, denn das interessiert mich besonders, bezüglich meiner Facharbeit, einen starken Bezug zur Demokratie hat.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass mir Frau Dr. Hamm-Brücher sowohl die Demokratie, als auch das, was eine Politikerin ausmacht, näher gebracht hat.

Ich wurde durch einen Satz, von Golo Mann über sie, auf sie aufmerksam.

"(Sie ist) eine Frau, die den Mut gezeigt hat, den ersten Schritt zu tun."

Für mich ist es etwas ganz besonderes die Möglichkeit zu haben, sie für ein Gespräch zu treffen. Ich bin unheimlich gespannt, sie endlich kennen zu lernen. Im Vorfeld hatte ich bereits einige Bücher von ihr und über sie gelesen. Anfangs aus reiner Neugierde, später, weil mich ihre Geschichte fasziniert hat. Eines davon ist ihre Lebensbilanz "Erinnern für die Zukunft". Ihre Lebensweg hatte mein Interesse geschürt und mich gepackt. Immer wieder war mir beim Lesen ihr Mut, ihr Einsatz und ihr Eintreten im Sinne ihres Gewissens und die Kraft, die sich in ihren Taten zeigten, aufgefallen.

Als junge Frau während ihres Chemiestudiums in München gehörte sie zum erweiterten Widerstandskreis und Freundeskreis der "Weißen Rose". In dieser Zeit prägte sich ihr verantwortliches Gewissen. Sie erlebte den Mut und die Opferbereitschaft einzelner Menschen gegen dieses Regime mit, welches die Menschen unterdrückte und in ihrer Würde nicht achtete. Sie lernte aus diesen Erfahrungen heraus die Notwendigkeit freier menschlicher Existenz. Stets hat sie daran gearbeitet, sie zu bewahren. Sie prägte unsere demokratische Bildung entscheidend mit und hat in ihrem Leben zahlreiche politische Ämter ausgeführt.

Mit großer Spannung stehe ich vor ihrer Haustür und freue mich darauf, Frau Hamm-Brücher nicht nur in Büchern, Bildern und am Telefon, sondern in Person zu erleben. Ich trete ihr entgegen und bin sofort von ihrer Ausstrahlung und der großen Herzlichkeit, die sie mir entgegenbringt, überwältigt.

Die Begegnung

Wir sitzen an einem kleinen Tisch, umgeben von vielen Büchern, von und über Theodor Heuss, Dietrich Bonhoeffer. Bücher über Politik, Philosophie und Philosophen. Mir fallen die vielen Notizzettel auf, die aus den Büchern herausschauen.

Mit leuchtenden Augen erzählt sie mir von ihren Reisen. Etliche Bücher über Afrika und Asien stehen in ihrem Regal. In ihrer Zeit als parlamentarische Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, besuchte sie fast alle Staaten Afrikas und Asiens. Als Stellvertreterin Hans Dietrich Genschers pflegte sie die diplomatischen Beziehungen.

Sie sitzt mir in aufrechter Haltung gegenüber. Ihre Aussagen sind klar und deutlich. Manchmal schweift sie mit ihren Augen in die Erinnerung ab und kehrt dann unmittelbar ins Jetzt zurück. Während sie spricht, schaue ich in ein lebendiges und junges Gesicht. In ihren Augen schimmert Lebensfreude. Manchmal ist ihr Blick verschmitzt, dann wieder sehr ernst und bestimmt, wenn sie über Themen spricht, die ihr besonders am Herzen liegen.

Einblicke in ihre Biografie

Das aktive politische Leben von Dr. Hamm-Brücher hat nach 1945 als Münchner Stadträtin begonnen. Bei ihrem Einstieg in die Politik war es erst einmal wichtig, nach dem Krieg überlebensnotwendige Dinge für die Bevölkerung zu regeln. Tatkräftig fasste sie selber mit an. Beispielsweise besorgte sie Säcke zum Putzen oder kletterte auf ein Schuldach, um Löcher abzudichten.

Sie erzählt, dass für ihre persönliche Entwicklung zwei geistig wichtige Personen, Pastor Martin Niemöller und Dietrich Bonhoeffer waren. In ihrer Zeit als Chemiestudentin war sie in den Kreis der "Bekennenden Kirche" gekommen. Das waren Christen, die sich dagegen gewehrt haben, dass die Nazis auch die Kirche in Beschlag nahmen. Pastor Martin Niemöller war ein Zeuge dieser "Bekennenden Kirche" und wurde 1935 verhaftet...

Dietrich Bonhoeffer hat eines der Bücher geschrieben, die für Frau Dr. Hamm-Brücher zu den wichtigsten in ihrem Leben zählen:"Widerstand und Ergebung". Sie erzählte mir, dass Dietrich Bonhoeffer Zeit seines Lebens nicht so bekannt war, sondern erst nach seiner Hinrichtung mit seinen Briefen und Schriften Aufmerksamkeit erregte.

1949 wurde ihr das Glück zuteil einen Studienaufenthalt im Ausland in einem Wettbewerb für junge Politiker/Innen und politisch interessierte Leute zu gewinnen. Ein Jahr verbrachte sie an der Harvard University. Das war ihr großer Vorsprung, als sie nach Deutschland zurückkehrte. Sie erlebte dort erstmals eine funktionierende Demokratie mit. Gewaltenteilung, -Kontrolle, Bürgerbeteiligung, sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau waren wichtige Aspekte, die sie dort kennen lernte. In Deutschland war davon zu dem damaligen Zeitpunkt keine Rede. Deshalb, so sagte sie mir, sei der Austausch der Nationen untereinander so wichtig.

Was ihr wichtig ist

An uns Jugendliche appelliert sie, sich einzubringen und uns an Entscheidungen zu beteiligen. Man müsse den Politikern auf den Zahn fühlen, indem man z. B. Berichte von Abgeordneten einfordert. Für sie gelten in diesem Sinne die Worte von Theodor Heuss (vom 12.11.1949):

"Demokratie ist keine Zauberformel für die Nöte unserer Welt und Demokratie und Freiheit nicht nur Worte, sondern lebensgestaltende Werte."

Ich erfahre im Gespräch wie wichtig ihr die Werte Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Mitbestimmung für jeden einzelnen sind. Sie fühlt sich gegenüber den Wählern, denen sie ihr Wort gegeben hat, verpflichtet. Was sie verspricht, das hält sie. Das Grundgesetz garantiert jedem Abgeordneten das Recht sich auf das eigene Gewissen berufen zu dürfen. Das hat sie darin bestärkt, sich auch gegen den Willen der eigenen Partei und der Mehrheit zu stellen. Am 01. Oktober 1982 stimmte sie nicht gegen Helmut Schmid, sondern beharrte auf ihrem Versprechen an die Wähler.

Zum Schluss frage ich sie, welche ihre wichtigsten Entscheidungen waren und ob sie Träume hatte, die in Erfüllung gegangen sind. Sie antwortete mir:

H.B.: "Es ist eine Illusion zu meinen, dass das Wichtigste im Leben ist, seine Träume oder sich selbst zu verwirklichen. Ich kann mich nicht an Ideale klammern. Viele meiner Vorstellungen, z.B. in Sachen Gleichberechtigung, Bildung und Schule sind tausendfach gescheitert. Aber im Rückblick würde ich sagen, hat sich doch etwas getan. Nimm dir was vor im Leben. Es ist wahrscheinlich, dass man es nicht erreicht. Bonhoeffer sagte: " Es gibt ein erfülltes Leben auch mit unerfüllten Wünschen." Dies ist die Bewährungsprobe. Man kann sein Leben ganz wichtig gestalten, ohne seine Wünsche aufzugeben. Wenn das eine nicht funktioniert, dann stattdessen etwas anderes. Ich habe es als Stadträtin trotz Niederlagen immer wieder versucht. Im Landtag wurde es noch schlimmer. Dort war ich einer Übermacht der CSU ausgesetzt. Ich hatte mir vorgenommen, dass Nazismus, Diskriminierung, Rassismus und Benachteiligung wegen des Geschlechts oder der Person nicht mehr stattfinden sollte. Meistens habe ich meine Ziele nicht direkt erreicht, aber am Ende dann doch."

Friedrich Schiller schrieb an seinen Vertrauten Christoph Gottfried Körner: "Du weißt, wie wohl einem bei Menschen ist, denen die Freiheit des anderen heilig ist." Dies habe ich bei der Begegnung und dem Gespräch mit Frau Dr. Hamm-Brücher verspürt.

Als ich sie verlasse, bin ich begeistert und voller Hoffnung. Ich würde mir wünschen, dass jeder Jugendliche und junge Mensch, der Zweifel über unser bestehendes System hat und für den Politik und Politiker etwas Befremdendes sind, ihr begegnen könnten.

Sarah Lause