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Das Ich – Warum wir sind, wie wir sind. Ein wissenschaftlicher Artikel von Emilie Eichen

Gepostet am 29. Juni 2020 | Biologie, MINT

Mit viel Eifer und Engagement hatte sich Abiturientin Emilie Eichen (MSS 12) darauf vorbereitet, die interessierten Gäste bei der traditionellen Nonnenwerther Wissenschaftsshow „MINT am Abend“ mit ihrem Beitrag zur DNA zu begeistern. Leider musste diese Veranstaltung Corona-bedingt entfallen. Für alle Interessierten hat sie ihre spannenden Ergebnisse hier als wissenschaftlichen Artikel zusammengefasst:

Das Ich – Warum wir sind, wie wir sind

Wie und wer wir sind, hängt mit unseren Eltern zusammen. Diese Binsenweisheit ist inzwischen weitgehend durch die genetische Forschung unterlegt. Studien mit eineiigen Zwillingen haben jedoch neue wissenschaftliche Fragen aufkommen lassen: Das Erbgut der eineiigen Geschwister gleicht sich zu hundert Prozent, wenn Zufallsmutationen nicht berechnet werden. Dennoch unterscheiden sich auch eineiige Zwillinge minimal in ihrem Verhalten, ihrer Größe, ihrer Begabung und ihrer Anfälligkeit für Krankheiten. Womit kann man diese Unterschiede begründen? Ist es letztendlich die verschiedene Lebensführung, die jedes Individuum einzigartig macht?

Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen hilft eine Betrachtung der Vorgänge auf der molekularen Ebene unserer DNS (Desoxyribonukleinsäure). Dabei wird auch ersichtlich, warum sich Zellen spezialisieren, wenn sie doch eigentlich alle dasselbe Erbgut in sich tragen. Woher „weiß“ die Zelle, dass sie zum Beispiel als Leberzelle Galle produzieren soll oder als Neuron elektrische Impulse leiten soll? Warum und wie spezialisiert sich jede Zelle auf eine individuelle Aufgabe?

Der folgende Aufsatz soll sich mit zwei grundlegenden Prozessen und Mechanismen beschäftigen, die uns im Zusammenspiel zu dem Individuum machen, das wir sind. Dazu zählt zunächst natürlich das „reine“ Erbgut, das heißt die Basenpaarabfolge in unseren Chromosomen. Es sind die Gene (eine bestimmte Sequenz dieser Basen), die die Basis für bestimmte Körperfunktionen in sich tragen. Mit den entsprechenden Zusammenhängen und der Nutzung der DNS beschäftigt sich seit langem die klassische Genetik. Heute weiß man jedoch darüber hinaus, dass unsere Umwelt und sogar unsere Erziehung ebenfalls auf unsere körperlichen und geistigen Eigenschaften einwirken. Dieses Feld der Forschung ist noch sehr neu und heißt Epigenetik (gr. „epi“ = nebenbei). Die Epigentik beschäftigt sich vor Allem mit zwei Leitfragen:

  • Welche Faktoren beeinflussen die Übersetzung und Nutzung der Erbinformation unserer Gene?
  • Kann man die entstandene Veränderung im Erbgut vererben?

Das Erbgut bestimmt mittels der Genexpression (Transkription und Translation), welche Proteine hergestellt werden können. Diese teils lebenswichtigen Proteine prägen bestimmte Merkmale, wie die Augen- oder Haarfarbe, unsere Gesundheit oder (teilw.) unser kognitives Potenzial. Welche Proteine aber tatsächlich synthetisiert werden, hängt davon ab, ob das Gen für die Transkription zugänglich ist. Die alleinige Tatsache, dass Menschen identische Gene haben, besagt also noch nicht, ob sie auch die gleichen Merkmale ausprägen. Während bei manchen Menschen ein Genom-Abschnitt aktiv vorliegt, ist derselbe bei anderen Menschen inaktiv. Das erklärt unter anderem die breite Varianz an Hautfarben. Die Aktivierung eines Gens je nach Bedarf ist reversibel oder irreversibel. Um ein Beispiel für die reversible Aktivierung eines Gens zu geben, soll hier die vorherig genannte Varianz an Hautfarben dienen. Wieviel Melanin (der Farbstoff in der Haut) Individuen produzieren (können), hängt einerseits von den ererbten Genen ab. Andererseits sind Umweltfaktoren ebenso entscheidend: Wenn wir uns lange Zeit in der Sonne aufhalten, bildet unserer Haut vermehrt den Farbstoff Melanin, um uns vor Sonnenbrand zu schützen. Im Winter jedoch bei weniger intensiven UV-Strahlung braucht unser Körper diesen Schutz nicht mehr und das Melanin wird abgebaut.

Wie funktioniert dieses An- und Abschalten von Genen?

Wird die Herstellung eines Proteins nicht mehr benötigt, dann wird dessen Synthese gehemmt. Man nennt das auch Gensuppression. Dies kann auf verschiedenen Wegen geschehen:

Die DNS ist um Proteinkomplexe – die Histone – gewickelt. Dadurch ist es erst möglich, dass diese lange eukaryotische Doppelhelix von 2m Länge in eine Zelle passt. Werden diese Histone modifiziert, kann die Transkription der DNA erschwert oder erleichtert werden. Das hängt davon ab, ob durch die chemische Veränderung an den Histonen, diese enger (heterochrom) oder weiter (euchrom) beieinander liegen.

Ein weiterer Mechanismus ist die Stummschaltung von Genabschnitten über Methylierung der Cytosin-Basen in der DNA.  Diese ist reversibel und kann durch Hydroxylierung derselben Base wieder aufgehoben werden. Dadurch wird das Gen aktiviert.

Wenn diese regulatorischen Mechanismen nicht nur in einzelnen Zellen greifen, sondern auch im ganzen Organismus, erklären sich auch die Merkmalsausprägungen: Bei Zwillingen ist die DNS identisch, doch einzelne Modifikationen an der DNS lassen die Unterschiede in Aussehen, Intelligenz, Gesundheit und Persönlichkeit auftreten.

Zur besseren Vorstellung kann das Zusammenspiel von klassischer Genetik und Epigenetik – zumindest mit einigen Parallelen – auf einen Computer übertragen werden. Das „reine“ Genom ist die Hardware. Aus ihm ergibt sich die grundlegende Leistungsfähigkeit des Organismus`. Die Epigenetik, also das was daraus wird, ist die Software. Sie entscheidet mit darüber, welches und wie das Potenzial genutzt wird.

Epigenetische Mechanismen gibt es nach heutigen Forschungen bei allen Vielzellern. Es ist jedoch noch ein weiter Weg zu verstehen, wie dieser Mechanismus bei uns Menschen die Persönlichkeit beeinflusst, also unser Ich mit formt. Auch ist erst in Ansätzen verstanden, wie diese Mechanismen mit dem Genom und dessen stammesgeschichtlicher Entwicklung zusammenwirkt. Um dies am Beispiel des Menschen zu verstehen, muss zunächst definiert werden, was einen Menschen ausmacht. Schaut man sich erste Definitionen an, so verdichtet sich die Charakterisierung, dass der Mensch als einziges Tier dazu in der Lage ist, zu planen und sich über sein Vorhaben auszutauschen. Warum ist das der Fall?

Zu allererst sind für die „typisch menschlichen“ Eigenschaften einige Mutationen in unserer Stammesgeschichte verantwortlich. Dadurch stehen uns Gene zur Verfügung, über die andere Säugetiere nicht verfügen. Vor rund 160 Millionen Jahren waren Säugetiere wohl erstmals dazu fähig, zu denken, zu fühlen und sich zu erinnern. Begründet sein soll die Entwicklung dieser Eigenschaften in dem erstmaligen Zusammenschluss der Säugetiere zu Gruppen. Denn dieser Zusammenschluss setzte auch Kommunikation zwischen den Individuen voraus. Wurde zum Beispiel Gefahr erkannt, alarmierten die Tiere ihre Rudelmitglieder. So war ein besonderes kommunikationsfähiges Rudel in der Nahrungssuche und im Überleben erfolgreicher und setzte sich durch. Es ist erwiesen, dass insbesondere höhere Tiere wie Delfine, Elefanten, aber auch manche Vogelarten ein Bewusstsein haben. Ob es aber so ausgeprägt oder ähnlich dem unseren ist, ist noch unklar.  Denn bei uns Menschen setzte ein zweiter großer Sprung vor 1,5 Millionen Jahren an: Damals mutierte bei unseren Vorfahren, den Primaten, das Gen namens ARHGAP11B. Dieses Gen veranlasst, dass Hirn-Stammzellen einen größeren Stammzellen-Pool bilden. Durch die Mutation dieses Gens wurde wahrscheinlich die Transkriptionsrate (also die Ableserate des Gens) erhöht, sodass im Folgeschluss mehr Stammzellen gebildet wurden, die wiederrum mehr Neuronen entstehen ließen. Damit wuchs das Volumen unseres Gehirns und damit auch die Menge an neuronalen Verknüpfungen. Wir wurden intelligenter; Ein wichtiger Grundbaustein des Menschseins war gelegt. Hätte es diese Mutation vor 1,5 Millionen Jahren nicht gegeben, würden wir wahrscheinlich immer noch auf Bäumen herumklettern.

Mutationen sind der Kern der Evolution und auch heute noch dafür prägend, wer und wie wir – innerhalb des allen Menschen gemeinsamen genetischen Baukastens – sind! Selbst in einem „kleineren“ Zeitraum sind sie enorm wichtig für unsere genetische Vielfalt. So unterscheidet sich das Erbgut der Eltern von ihrem Kind schon in rund 60 Mutationen! Sie sind damit ein Grund dafür, dass sich Kinder von ihren Eltern unterscheiden und nicht nur aufgrund einer Neukombination von deren Erbgut neue und andere Merkmale entwickeln. Die Kombination des über die Evolution entwickelten Erbguts unserer Eltern plus neuer Mutationen bestimmt unsere genetische Basis, d.h. unseren Genotyp.

Mit dieser Erläuterung ist die Basis für die eigentliche Fragestellung gelegt: Wie wirkt sich unsere Umwelt auf die Entwicklung und Ausprägung unseres Ichs aus? Dazu wird die Arbeit im Folgenden genauer auf den Phänotypen, die Gesundheit, die Intelligenz und die Persönlichkeit eingehen.

Aussehen

Seitdem der Mönch Gregor Mendel Mitte des 19. Jahrhunderts Erbsen pulte, ist die damalige akzeptierte Annahme, Kinder würden zu gleichen Teilen die gleichmäßig gemischten Eigenschaften der Eltern erben, widerlegt. Stattdessen weiß man seither, dass dominante und rezessive Allele (Zustandsform eines Gens bei mehreren homologen Chromosomen) über das Aussehen bestimmen. Das heißt, dass die vererbten Gene nicht gleichgewichtig auf die Ausprägung von Merkmalen wirken. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Haarfarbe, die hauptsächlich durch das Gen MC1R mitbestimmt wird. MC1R kann rezessiv oder dominant vorliegen. Wenn ein Elternteil ein dominantes Allel vorliegen hat und dieses an sein Kind vererbt, hat es mit größter Wahrscheinlichkeit keine roten Haare. Wenn aber beide Eltern, obwohl sie zum Beispiel brünett und blond sind, ein rezessives Allel weitergeben, so wird das Kind ein Rotschopf. Das scheint zunächst völlig abwegig, doch Mendel erklärt dieses Phänomen mir seinen Kreuzungsquadraten.

Was er aber noch nicht wusste ist, dass Söhne interessanterweise immer etwas mehr von der Mutter als von dem Vater erben. Das liegt daran, dass ein männliches Spermium ein Y-Chromosom weitergibt, welches aber viel kleiner als ein X-Chromosom ist. Es trägt demensprechend weniger Gene. Eines dieser Gene, die nur über das X-Chromosom weitergegeben werden, ist das Gen für Haarausfall. Deswegen ist herzuleiten, dass man sich bei Sorge um seine Haarpracht eher den Schopf des Großvaters mütterlicherseits anschauen sollte. Hat er Haarausfall, ist es sehr wahrscheinlich, dass man als Enkelsohn ebenfalls Haare im fortgeschrittenen Alter verliert. Bei diesen Prophezeiungen ist allerdings Vorsicht geboten, da nicht alle phänotypischen Merkmale nur von einem Gen geprägt werden (Polyphänie) sondern von mehreren Genen (Polygenie = ein Phänotyp wird von mehreren Genen beeinflusst). Meist sind es eine Vielzahl an unterschiedlichen Faktoren und Genprodukten anderer Gene, die in die Ausprägung eines Merkmals mit einfließen. So sind zum Beispiel an der Körpergröße allein schon mehr als 100 Gene beteiligt.

Mittlerweile hat man sogar herausgefunden, dass unsere Mimik vererbbar ist. Dazu erforschte man das Gesichtsspiel von seit der Geburt erblindeten Menschen und verglich diese mit derjenigen von ihren Verwandten. Das Ergebnis zeigte klar, dass die Blinden ähnliche Mimik mit ihren Familienmitgliedern teilten, obwohl sie sich diese nicht abgeschaut haben konnten.

Dies zeigt, dass einige unserer Merkmale ausschließlich durch den Genotyp vorbestimmt werden. Umwelteinflüsse haben wenig Auswirkungen. Damit scheint auch der Einfluss epigenetischer Faktoren bei einigen Merkmalen keine große Rolle zu spielen.

Gesundheit

Als Harry Eastlack sich als Kind beim Spielen stieß, heilte die Wunde zwar, doch Ärzte beobachteten, dass die Blessur ungewöhnlich fest wurde. Je mehr er sich mit der Zeit verletzte, desto mehr knöcherne Ablagerungen im Bindegewebe wuchsen in ihm, bis er mit 40 Jahren starb. Zu dem Zeitpunkt konnte er nur noch seine Lippen bewegen.

Harry Eastlack litt an einer seltenen Krankheit namens Fibrodysplasia. Auslöser der autosomal-dominanten Erbkrankheit ist eine winzige Mutation im menschlichen Genom, welches sich insgesamt über 400 vollbedruckte Bibeln erstreckt. Dort ist bei Fibrodysplasia-Patienten ein „Buchstabe“ – eine Guanin-Base in eine Adenin-Base – ausgetauscht. Diese Mutation nennt man Punktmutation

Viele Erbkrankheiten lassen sich auf Mutationen zurückführen, wie zum Beispiel Chorea Huntington, bei der die DNS-Sequenz CAG auf dem Gen HTT zu oft wiederholt ist. Aber nicht nur Krankheiten können vererbt werden, sondern auch Veranlagungen., z.B.  Fettleibigkeit. So konnten dänische Studien belegen, dass eine erhöhte Anfälligkeit für Fettleibigkeit über den Vater erblich sein können. Sie können aber auch über längere Hungerperioden des Embryos im Mutterleib begünstigt werden. Folglich muss im letzteren Fall, ein Gen im Embryostadium epigenetisch modifiziert worden sein. Fettleibigkeit ist also ein Beispiel dafür, wie menschliche Eigenschaften sowohl durch genetische als auch epigenetische Wirkungen hervorgerufen werden können.

Ein weiteres einschneidendes Forschungsergebnis war die Vererbbarkeit von Alzheimer und die Bedeutung von bestimmten Auslösern im Genom. Bei jedem zweiten Menschen, der an der Alzheimer-Demenz leidet, ist das APOE, auch E4-Gen genannt, leicht verändert, oder liegt gar nicht vor. Das heißt aber nicht, dass jeder Betroffene der Genmutation, automatisch Alzheimer bekommt. Vielmehr liegt bei diesen Menschen eine erhöhte Anfälligkeit für die Demenz-Krankheit vor. Forscher vermuten zusehends, dass der Auslöser der Krankheit in einem schlechten Lebensstil begründet ist, der Genabschnitte irreversibel deaktiviert! Demnach entscheiden also nicht nur die Gene über unsere Gesundheit, sondern auch unsere Lebensgestaltung, die wiederum epigenetische Prozesse auslösen kann:

Durch genügend Schlaf, eine kleine Diät und viel Bewegung wirken wir positiv und epigenetisch auf unsere Gesundheit ein. So werden zum Beispiel durch bestimmte Nahrungsmittel Genabschnitte methyliert oder hydroxyliert und dadurch die Transkriptionsrate verändert.

Das soll bei Sport ähnlich sein, wie ein Versuch in Schweden zeigte. Hierzu rekrutierte man Studenten und ließ sie über drei Monate nur ein und dasselbe Bein trainieren. Der Vergleich der Muskelzellenproben vor und nach dem Experiment zeigte Erstaunliches: Über die drei Monate wurden 40776 Gene in den Zellen des trainierten Beines hydroxyliert (= aktiviert)! Dies diente in erster Linie dazu, dass mehr Proteine gebildet wurden, die das Muskelwachstum beschleunigten. Diese Beobachtung konnte aber nicht nur auf dem trainierenden Bein festgestellt werden, sondern auch auf dem anderen Bein. Womöglich wurde dort durch Botenstoffe ebenfalls das Muskelwachstum angeregt, damit der Körper durch eventuell ungleich schwere Muskelmasse, weiterhin die Stabilität erhält. Dieses Experiment zeigt die unfassbare Spannbreite der epigenetischen Wirkweisen und deren Bedeutung für zahlreiche Ausprägungen und Eigenschaften.

Intelligenz und Bewusstsein

Vorhin wurde schon über eine entscheidende Mutation berichtet, die vor 1,5 Millionen Jahren, dazu führte, dass bei Primaten, unseren Vorfahren, mehr Neuronen gebildet wurden. Die Wissenschaft ist sich einig, dass das Volumen des Gehirns und die Anzahl an Neuro-Verknüpfungen mit entscheidend für die menschliche Intelligenz und das menschliche Bewusstsein sind.

Das Bewusstsein entwickelt sich stetig in unserer Entwicklung bis zum ausgewachsenen Menschen und sogar darüber hinaus. Während unserer jungen Jahre, werden im Gehirn Neuroverknüpfungen auf ihre Effizienz überprüft, abgebaut oder neu aufgebaut. Zunehmend baut sich die graue Substanz ab und weiße Substanz im Gehirn entsteht, die aktiv an Denkprozessen beteiligt ist. Der Umbau des Gehirns ist größtenteils genetisch eingeleitet und damit vererbbar. Heutzutage gibt es sogar Befunde, die zeigen, dass Begabung und mitunter auch so komplexe Eigenschaften wie Disziplin vererbbar sind.

Nehmen wir das Beispiel einer musikalischen Begabung, so fällt auf, dass diese Menschen sehr ausgeprägte Strukturen im inneren Hörorgan, sowie in Klang verarbeitenden Hirnarealen aufweisen. Sie können deswegen präzise Töne unterscheiden und es fällt ihnen leicht, Melodien nachzuspielen. Erfährt der Begabte schon in frühen Jahren eine positive Bestätigung zu seinem Talent, so möchte er dieses perfektionieren und verbessert unbewusst seine Fähigkeiten durch die Entstehung neuer neuronalen Verknüpfungen (neuronale Plastizität des Gehirns – Lernvorgang). Der Mensch wird immer besser und strebt nach mehr Perfektion. Das nennt man in der Wissenschaft auch Appetit. Man kann also seine eigene Begabung fördern.

Weil aber so viele Gene die Intelligenz eines Menschen codieren und viele Wechselwirkungen noch nicht erforscht sind, ist es unwahrscheinlich, dass wir bald Designer-Babies mit Hochbegabung schaffen können. Dazu müsste man an geschätzt 500.000 Buchstaben im Genom herumexperimentieren. Zudem wäre das komplexe Wechselspiel zu beachten, dass sich jedes Gen erst im Zusammenspiel mit anderen Genen, der Umwelt und der eigenen Lebensausrichtung entfaltet.

Persönlichkeit

Genauso deutlich wird dieses Zusammenspiel von mehreren Komponenten bei der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

Die McGill Universität in Kanada untersuchte hierzu 72 Gehirne von Verstorbenen der Altersgruppe um 35 Jahre. Fokus lag auf den epigenetischen Veränderungen des Stressabbaugens. 24 Gehirne der insgesamt 72 Proben stammten von Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben waren und als Kontrollgruppe dienen sollten. Weitere 24 Gehirne wurden den Menschen entnommen, welche Suizid begingen und wiederrum 24 Gehirne stammten von Freitod-Opfern, die durch eine schwere Kindheit vorbelastet waren. Die Befunde waren erschreckend. Nur bei den Freitod-Opfern, die in ihrer Kindheit Missbrauch erfuhren, und nur da (!) war das Stressabbaugen methyliert. Das bedeutet, dass bei diesen Menschen Stress schlecht bis gar nicht abgebaut werden kann und sich negativ auf ihren Gemütszustand auswirkt. Solche Menschen sind nicht stressresistent und können nicht mit ungewohnten Situationen umgehen, weshalb sie oft anfälliger für Suizid sind. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig eine gesunde Kindheit ohne Sorgen für die Zukunft ist. Es zeigt auch, dass epigenetische Prägungen und Mechanismen in der Kindheit ebenso wenig reversibel bzw. änderbar sein können, wie eine im Genom vererbte Eigenschaft.

Im Jahre 2004 erlebte die USA einen großen Aufruhr um den Mörder Stephen Anthony Mobley, der vor seiner Hinrichtung wissen wollte, ob er Träger des mutierten MAOA-Gens sei. Eine mutierte und dadurch aktivierte Form des Gens kann antisoziale und impulsive Persönlichkeiten formen. In manchen US-Bundesstaaten wurde nach Befund dieses aktivierten MAOA-Gens sogar schon die Gefängnisstrafe abgemildert. Doch Mobleys Wunsch auf eine Untersuchung seines Genoms wurde nicht gewährt und er wurde 2005 hingerichtet.

Das MAOA Gen wird vor allem aktiviert, wenn der Träger in seiner Kindheit oft misshandelt wurde. Es gibt Belege dafür, dass diese epigenetische Aktivierung sogar vererbbar ist. In ähnlicher Weise können wohl auch erworbene Traumata, die epigenetische Änderungen hervorgerufen haben, vererbt werden. Dies legen Studien über Weltkriegssoldaten und deren Nachkommen nahe. Man fand heraus, dass insbesondere die Enkel der Soldaten häufiger anfällig sind für Depressionen.

Mittlerweile weiß man, dass rund 30% – 50% unserer DNS zur Persönlichkeitsmerkmalausbildung beitragen. Diese Prozentzahl an DNA bestimmt mit über unsere Vorlieben oder unsere Abneigungen. Darunter zählt zum Beispiel, ob wir Jazz mögen oder nicht, was unsere Lieblingsfarbe ist, oder sogar wie rassistisch wir sind!  Und das funktioniert so:

Strukturmerkmale in unserem Gehirn entscheiden, in welcher Situation und wie viele Neurotransmitter (Botenstoffe an chemischen Synapsen) wo (z.B. im Belohnungszentrum) ausgeschüttet werden. Diese Strukturen können verändert werden. Das führt dazu, dass bei manchen Menschen, Neuronen im Gehirn vielleicht einen Bruchteil länger erregt werden als bei anderen. Dadurch wird dann zum Beispiel bei diesen Menschen mehr Dopamin -ein Glückshormon- ausgeschüttet. Zum besseren Verständnis nehmen wir das Beispiel einer Person, deren Lieblingsfarbe Gelb ist. Wenn ihr die Lichtfarbe Gelb ins Auge fällt, kann es sein, dass durch eine Strukturveränderung an der Netzhaut, das Gelb stärker wahrgenommen wird und eine höhere neuronale Reaktion auslöst, die dann zum Beispiel im Belohnungszentrum mehr Dopamin ausschüttet. Folge ist, dass sie Gelb als ihre Lieblingsfarbe bezeichnet.

Auch gefühlsimpulsive Charaktere haben offenbar genetische Ursachen. Im Zentrum des Interesses diesbezüglich steht das 5-HTTLPR-Gen. Ist dieses verkürzt, so sind Träger des Gens, sehr feinfühlig und emotional. Interessant ist hierbei, dass wenn solch ein Träger in einem schwierigen Umfeld aufwächst, er oft depressive Eigenschaften entwickelt, während ein Kind in einem guten sozialen Umfeld sich sehr fröhlich entwickelt.

Es gibt also auch hier offenbar eine genetisch bedingte Disposition. Umwelteinflüsse entscheiden aber – wahrscheinlich über epigenetische Wirkungsketten – über dessen Ausprägung.

Fazit

Die klassische Genetik legt den Grundstein zu dem, was wir sind. Sie bestimmt unser Aussehen, unsere Gesundheit, unsere Intelligenz und unsere Persönlichkeit in den wesentlichen Grundzügen. Doch wir können auf die Ausprägung dieser Merkmale durch unseren Lebensstil erheblich über epigenetische Wirkweisen Einfluss nehmen – angefangen mit der Erziehung bis hin zur Ernährung. Die erworbenen Eigenschaften können teilweise sogar an unsere Nachkommen vererbt werden. Das haben wir an den Forschungen zur Fettleibigkeit oder den Traumata gesehen.

Die Forschung um die Epigenetik ist gerade erst in den Kinderschuhen, doch richten sich schon heute viele Hoffnungen darauf, dass mit ihrer Entschlüsselung Krankheiten besser therapiert werden könnten, Persönlichkeitsstörungen behandelt und Begabungen gefördert werden können.

Ich bin gespannt, wohin uns die Forschung in diesem Bereich noch bringen wird. Schon jetzt hat die epigenetische Forschung einige, zuvor als gefestigt geltende Lehrmeinungen grundlegend erschüttert.


Text: Emilie Eichen (MSS 12)
Foto: Arek Socha auf Pixabay