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Konstruktion von Erinnerung – Inszenierung fiktiver Lebensgeschichten im Stile von Christian Boltanski

Gepostet am 19. Januar 2021 | Kunst

„Ich brauche meine Erinnerungen. Sie sind meine Dokumente.“

So sagte es einmal die französische Künstlerin Louise Bourgeois. Für ihre Werke war Erinnerung oft ein wesentliches und auch sehr persönliches Element. Mit ihr in einer Reihe stehen weitere Künstler, so auch Christian Boltanski. Dieser befasst sich in seiner Tätigkeit vor allem mit der Vergangenheit, Erinnerungen und ihrer Rekonstruktion. Er dokumentiert und inszeniert etwa mittels Installationen und Fotografien fiktive und reale Lebensgeschichten. So weckt er Assoziationen bei den Betrachtern.

Mit dem Thema „Konstruktion von Erinnerung“ setzte sich auch der Grundkurs Bildende Kunst der MSS 12 von Frau Kemmer auseinander. Aufgabe der Schülerinnen und Schüler war es, selbst eine fiktive Lebensgeschichte zu dokumentieren. Ausgangspunkt hierzu waren eigens ausgewählte Fotografien unbekannter Personen mit persönlichem Bezug, wie z.B. Bilder längst verstorbener Verwandter. Nun galt es, eine Sammlung von Objekten zusammenzustellen und zu präsentieren, die das Leben dieser Menschen erzählen könnten. So wurden mögliche Fundstücke verwendet, aber auch selbst Habseligkeiten und Dokumente angefertigt und konstruiert.

Text: Jule Annen

Erläuterung der Spurensammlung von Jule Annen

Kunibert Recktenwald wurde am 22.04.1939 in Remmesweiler bei St. Wendel im Saarland geboren, wo er seine gesamte Kindheit gemeinsam mit seinen Eltern Ewald und Maria und acht Geschwistern verbrachte. Sein Großvater führte mit Leidenschaft ein kleines Fotoatelier, in dem auch sein Vater Ewald in die Lehre ging. Aus dieser Zeit stammt auch Kuniberts Lieblingsfoto: ein im Atelier des Großvaters aufgenommenes Familienportrait, das seinen Vater als Jugendlichen gemeinsam mit seinen Eltern zeigt, zu denen Kunibert ein sehr enges Verhältnis hatte. Eigentlich sollte dieser einmal das kleine Geschäft in Remmesweiler übernehmen. Doch er hatte andere Pläne, wollte „richtige“ Fotos machen, relevante und aktuelle Geschehnisse festhalten. Kunibert beschloss, Fotojournalist zu werden. Und so kam es, dass er im Jahr 1957 nach Berlin zog. Dort, als es noch einfacher möglich war, vom westlichen Teil der Stadt (wo er selbst lebte) in den östlichen zu gelangen, erwarb er auch seine erste selbst finanzierte Kamera: ein sowjetisches Modell der Marke Zenit. Er liebte die Fotos, die sich damit schießen ließen. Genauso liebte er auch seine Arbeit, die er bei der Westberliner Tageszeitung ausübte. Jeden Morgen ging es erst einmal in die Redaktion, in seiner Aktentasche die wichtigsten Fotos für die nächste Ausgabe im Gepäck, die es beim Chef abzugeben galt. Nach einem Vormittag voller Recherchen und Fotografien traf er sich stets mit seinem Kollegen Hans auf eine Zigarette – eine Angewohnheit, die er schon mit seinen Freunden aus Remmesweiler geteilt hatte. Zu ihnen und zu seiner Familie hielt er regen Kontakt, besonders durch Briefe mit seiner Mutter. Kuniberts ersten Jahre in Berlin waren für ihn genau so wie erhofft. Doch dann kam 1961. Walter Ulbricht, der im Juni noch beteuerte, niemand habe „die Absicht, eine Mauer zu errichten“, befahl am 13. August die Abriegelungen der Sektorengrenzen. Der Bau der Berliner Mauer begann… Kunibert war hautnah dabei und dokumentierte die Entwicklungen von Westberlin aus.

Als Ausgangsbild für diese fiktive Lebensgeschichte habe ich eine Fotografie gewählt, die meinen Großonkel in jungen Jahren gemeinsam mit seinen Freunden zeigt. Ihn selbst kannte ich nicht persönlich. Seinen Namen und die Verwandtschaftsverhältnisse habe ich beibehalten, der Rest ist jedoch frei erfunden, angefangen beim genauen Geburtsdatum. Da mir keinerlei persönliche Gegenstände oder Dokumente vorlagen, habe ich zum Beispiel einen Ausweis gestaltet, der ein paar allgemeine Daten zu Kuniberts Person vorlegt und als „Beweis“ für seine Existenz dienen soll. Neben anderweitigen von mir erstellten Briefen und Akten liegt dem Betrachter auch eine konstruierte Zigarettenschachtel vor, die Kunibert besessen haben könnte. Sie ist eine Anspielung auf die Zigarette, die er auf meinem Ausgangsbild raucht. (Text: Jule Annen)

Erläuterung der Spurensammlung von Olivia Hopp

Das Ausgangsbild meiner Spurensammlung zeigt ein Hochzeitspaar. Die Braut trägt eine Krone im Haar, weshalb ich mir eine fiktive Geschichte zu einer Prinzessin ausgedacht habe:

Grace Hemington ist Prinzessin und Thronfolgerin Australiens. Sie heiratete am 13.08.1961 Joseph Williams. Das ganze Land fieberte mit und freute sich über die königliche Hochzeit. Die scheinbar märchenhafte Hochzeit endete allerdings in einem schockierenden Mord. Auf ihrem Weg nach Hause wurde das Hochzeitspaar attackiert und ermordet. Es wurde vermutet, dass Mörder beauftragt wurden. Gerüchte besagen, dass Graces Cousin Daniel Hemington, welcher nach ihr Anrecht auf den Thron habe, dafür verantwortlich war, doch es gab keine Beweise dafür.

Das gesamte Land trauert um den Tod der geliebten Prinzessin.

Durch Gegenstände, wie einem selbstgemalten Wappen und einer aus Draht hergestellten Krone wird Grace Hemingtons Herkunft und ihr Platz in der Thronfolge verdeutlicht. Die Krone besitzt neben dem symbolischen Wert noch weitere Bedeutung, da Grace sie an ihrer Hochzeit und somit auch während ihres Mordes trug. Man kann sie im Ausgangsbild erkennen.

Des Weiteren wurden persönliche Gegenstände von Grace Hemington für die Spurensammlung hergestellt. Ein von ihr verfasster Tagebucheintrag verdeutlicht ihre Vorfreude auf die Hochzeit, aber auch den Druck, der auf ihr als zukünftiger Königin lastet.
Ein weiterer, persönlicher Gegenstand ist eine Kette, die ich aus einem alten Anhänger und Perlen hergestellt habe, da Perlenschmuck in den 60er Jahren in der Mode war.

Es wurden weitere Bilder, ein selbstgebastelter Ring und eine Hochzeitseinladung zur Spurensammlung hinzugefügt, um den Tag der Hochzeit darzustellen. Hierbei soll vor allem die Freude, die vor dem Unglück noch bestand, verdeutlicht werden.

Zwei selbstgemachte Zeitungsartikel erzählen von dem Tag des Mordes. Durch sie wird die Trauer des Landes widergespiegelt und eine gewisse Emotionalität erzeugt.

Schließlich habe ich noch eine Todesurkunde von Grace Hemington hergestellt. Sie umfasst alle wichtigen Namen und Daten der Geschichte und stellt den Tod der Prinzessin noch einmal „offiziell“ dar.

Die Gegenstände wurden sauber in einem Rahmen angereiht. Den Rahmen habe ich auch selbst geschaffen. Dafür wurden goldene Verschnörkelungen und roter Samtstoff verwendet, um den Rahmen alt und „königlich“ aussehen zu lassen.

Insgesamt soll die Spurensammlung persönliche Gegenstände der Figur mit der Trauer des gesamten Landes, die durch Fotos, Zeitungsartikeln und weiteren Papieren dargestellt werden, verbinden.


Text: Jule Annen, Olivia Hopp (MSS 12)
Die abgebildeten Werke wurden gestaltet von: Jule Annen, Jannika Baumann, Emily Henn, Olivia Hopp, Tabea Koll, Annasofie Mauer, Ruben Rohn, Marie Schmerer, Johanna Schwarz, Dalya Toksöz, und Sina Wilhelm (MSS 12, BK GK-2, 2020)