Oops...

Ihr Browser unterstützt die Website leider nur teilweise und stellt diese falsch dar.

Wenn Sie auch die optimale Darstellung erhalten möchten, müssen Sie Ihren Browser aktualisieren, oder in manchen fällen wechseln.
Der Button führt Sie zu einer Übersicht in der Sie erfahren was Sie momentan verpassen! Außerdem gibt es Hilfe und Links zu allen aktuellen Browsern, die die Website unterstützen.

mehr Informationen

vielleicht später...

Diese Website benutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität zu bieten. Durch das Verwenden dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir auf Ihrem Gerät Cookies verwenden dürfen. mehr Infos OK

Waiting underground… Wildbienen auf Nonnenwerth

Gepostet am 2. Juni 2019 | Biologie, Inselleben, NaWi
Über ein Projekt der 9ab-NW

If you believe all your hope is gone
Down the drain of your humankind
The time has arrived
You’ll be waiting here as I was
In a snow-white shroud
Waiting underground…

…so die Sängerin und Dichterin Patti Smith in einem eindringlichen Lied. So kann man auch auf den Punkt bringen, was Anfang März auf unserer Insel, von den meisten unbemerkt, aus dem Untergrund ans Tageslicht drängt. Eine 10-monatige unterirdische Entwicklungszeit plus Ausharren hat ein Ende und es gibt Bewegung an einigen noch von letzten Schneeflecken bedeckten schütteren Bodenstellen auf Nonnenwerths Grünflächen. Mühsam, noch steif vor Kälte, kriecht ein Männchen der „Schwarzgrauen Düstersandbiene“ – zu erkennen an seinem weißlichen Kopfhaarschopf – aus dem Bodennest seiner Kolonie nach oben und beendet damit die lange Phase seines zu 90 Prozent unterirdischen „Lebens auf Abruf“. Es erblickt das Sonnenlicht für die einzig wichtige Aufgabe seines kurzen oberirdischen Daseins: die Fortpflanzung. Tage später erscheinen auch die Weibchen aus dem Erdreich und sofort beginnen die Männchen sie zu umwerben, um sich dann mit ihrer Favoritin zu paaren. Diese Phase wahrer Massenhochzeiten wird spätestens jetzt für viele Schülerinnen und Schüler am Sportgelände unübersehbar.

Nach Erfüllung ihres Lebenssinns segnen die Männchen, ohne viel Nahrung (nur Nektar) aufgenommen zu haben, nach nur wenigen Tagen das Zeitliche. Die Weibchen aber legen nun erst richtig los: unter Mobilisierung erstaunlicher Kräfte beginnen sie mit ihren dünnen Insektenbeinen neue, 30-50 cm tiefe Niströhren zu graben, die sich unten verzweigen und am Ende zu Nistkammern erweitern. In diese wird nun Proviant in Form von Pollen und Nektar eingelagert, die zu einem nahrhaften Kuchen vermischt werden. Am Ende wird auf die Nahrung ein Ei pro Kammer abgelegt. Dies ist dann die Zeit der intensiven Blütenbesuche, die in mehr oder weniger enger Symbiose mit Befruchtung ihrer Wirtspflanzen einhergehen: manche Wildbienenarten sind polylektisch, d.h. sie nutzen ein breiteres Angebot der gerade blühenden Pflanzenarten als Nahrungsquelle, andere sind auf bestimmte Pflanzenfamilien  spezialisiert, sie sind oligolektisch. Oligolektisch ist auch unsere am linksrheinischen Fährufer und unter der nahen Liszt-Platane im Boden in großen Nist-Kolonien logierende Frühlings-Seidenbiene (Colletes cunicularius), eine Sandbiene, die sich von Weidenpollen und -nektar ernährt. Deren Treiben während der Paarungszeit im April mit Massenschwärmen dicht am Boden über ihren Kolonien ist noch auffälliger als das der Grauschwarzen Düstersandbiene.

Ob Franz Liszt seinerzeit – nach dem Pflanzen der Platane zu seinem 30. Geburtstag – auch solche Erlebnisse mit Wildbienen hatte? Als damaliger Popstar der Rheinromantik wurde er bei regelmäßigen Inselbesuchen seinerseits von den jungen Frauen des Rheintals umschwärmt (nachzulesen im Buch „Am Zauberfluss“), ein umgekehrtes Verhaltensmuster also im Vergleich zum Paarungsverhalten der Wildbienen!

Sind alle Nester nach einigen Wochen versorgt, sterben auch die Weibchen der Wildbienen. Man kann sie jetzt in größerer Anzahl von der Wiese aufsammeln (s. unten).

Bilderserie (Ende März gleichzeitig an den Mahonien an der Wand gegenüber unserer Turnhalle):

Die überwiegende Mehrheit unserer Wildbienenarten wohnt in der Erde. Insgesamt gibt es ca. 570 Arten allein in Deutschland, 20.000 (!) weltweit. Ihre Bedeutung bei der Bestäubung von Blütenpflanzen ist daher immens und in ihrem Ausmaß kaum zu unterschätzen. Viele davon sind aktuell durch Intensivbodennutzung vom Aussterben bedroht. Zum Vergleich: es gibt neben 7 asiatischen nur eine einzige weitere Staaten bildende Honigbienenart, unsere domestizierte „Westliche Honigbiene“ (Apis mellifera), die wir auch bei uns in der Bienen-AG halten. Die zahllosen Wildbienenarten sind also viel bedeutsamer und oft auch effektiver bei der Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen.

Schaukasten mit den typischen in Reihe angelegten Nistkammern der Rostroten Mauerbiene, die Nektar- und Pollenproviant plus je ein Ei enthalten.

An unserer Gartenhütte können wir schon seit Jahren in einigen Nisthilfen und jetzt auch in aufklappbaren Beobachtungsnistkästen häufige Wildbienenarten (und ihre Parasiten, wie die blaurot schimmernde Goldwespe) beobachten: vor allem das Treiben der Gehörnten Mauerbiene Osmia cornuta und der Rostroten Mauerbiene (Osmia bicornis; Insekt des Jahres 2019). Der schöne rostrot-schwarze Kontrast ihrer Färbung sieht richtig gut aus. Mauerbienen nisten wild in Röhren, wie sie Pflanzenstängel von Hollunder, Brombeere oder Schilf bieten. Menschengebaute Nisthilfen aus solchem Material oder Bambusröhren nehmen sie aber auch gerne an, wenn sie ihnen an trockenen Plätzen und nach Süden ausgerichtet angeboten werden.

Über einem Beobachtungsnistkasten, in dem Osmia bicornis schon begonnen hat, Nistkammern anzulegen, zu verproviantieren und Eier abzulegen (s. Bild oben), bringen wir gerade eine selbst gebaute Beobachtungsbox mit Minikamera an, mit deren Hilfe wir übers Jahr das noch wenig erforschte Nistverhalten und die Entwicklungsstadien zum fertigen Insekt verfolgen wollen. Die durch Bewegungsmelder ausgelösten Kameraprogramme werden dabei durch einen Raspberry-Minicomputer gesteuert und sollen uns bei Nistaktivitäten per WLAN Bilder und Videos des Geschehens im Nest übermitteln. Wir sind schon sehr gespannt auf die Ergebnisse.

Als Teil unseres Projekts haben wir zudem die Aussaat artenreicher Wildblumenmischungen angeregt und inzwischen zusammen mit unserem Gärtner verwirklicht: ein Beet vor der Turnhalle und ein weiteres am Schulgarten wachsen gerade heran. Wir wollen damit die Artenvielfalt der Bienen und anderer Insekten bei uns stabilisieren und weiter fördern.

Die Schwarzgraue Düstersandbiene ist inzwischen längst „verblüht“, wie auch ihre oben erwähnte Wirtspflanze Mahonie. Sie hat die Geschenke des Lichts, Nektar und Pollen, in die dunklen Erdhöhlen geschafft, wo ihre Nachkommen sich jetzt von ihnen nähren und sich langsam erneut zur fertigen Bienen wandeln, die dann im März 2020 wieder nach oben klettern und „auferstehen“. Der Lebenskreislauf von Geburt und Tod  hat sich auch bei diesen Geschöpfen der Dunkelheit und gleichzeitig des Lichts geschlossen.


Text: Bernhard Schrautemeier
Fotos: Bernhard Schrautemeier